“Ich will nicht mehr!”

Noch einen letzten Moment halte ich inne, bevor ich das Zimmer betrete. Einmal tief durchatmen, dann klopfe ich an und öffne die Tür. Der Raum liegt im halbdunkel, denn die Vorhänge sind größtenteils zugezogen. Am ersten Bett gehe ich vorbei, hin zu dem Bett am Fenster. Von einem Stuhl aus am Fußende des Bettes blicken mich zwei müde Augen an.

“Hallo Herr Müller, die Schwestern haben mir gesagt, dass Sie ein paar Fragen an mich haben?” sage ich. Er blickt kurz auf das Bett, dann sagt er mit zittriger Stimme: “Es geht ihr so schlecht, wie soll das weitergehen? Was ist nur mit ihr?” Frau Müller ist 89 Jahre alt und schwer krank, sie hat ein schwaches Herz, eine chronische Bronchitis, ist Diabetikerin und sie stürzt häufig. Meistens passiert ihr dabei nichts, aber im letzten Jahr war sie bereits mehrfach bei uns aufgrund von Frakturen in Behandlung. Außerdem ist sie seit 57 Jahren mit ihrem Ehemann verheiratet und hat 2 Kinder. “Also Herr Müller, ihre Frau kam ja zu uns weil sie auf ihren Rücken gefallen ist und die Frage im Raum stand, ob sie sich einen Wirbel gebrochen haben könnte.” Ausgehend vom Röntgenbild könnte die Patientin tatsächlich mehrere gebrochene Lendenwirbel haben, allerdings hat sie auch eine ausgeprägte Osteoporose. Das heißt, es lässt sich nicht zweifelsfrei sagen welcher der Wirbel (und ob überhaupt) gebrochen ist. Da es aufgrund der vielen begleitenden Erkrankungen keine therapeutische Konsequenz hätte – eine Operation würden wir der Patientin aufgrund ihrer Begleiterkrankungen nicht anbieten wollen – haben wir kein MRT zur weiteren Diagnostik durchgeführt. Letzendlich wissen wir also nicht, ob tatsächlich ein Wirbel gebrochen ist. Aufgrund der Beschwerden behandeln wir die Patientin allerdins so, als wäre ein Lendenwirbel gebrochen. Zusammen mit dem Radiologen haben wir uns auf den 2. Lendenwirbel geeinigt. “Und wir haben im Röntgenbild gesehen, dass sie sich den 2. Lendenwirbel gebrochen hat.”

Ich erkläre Herrn Müller, dass sich seine Frau mehrfach ausdrücklich keine Operation mehr gewünscht hat und das wir aufgrund ihrer diversen Krankheiten auch keine bei ihr durchführen werden. Ich sage ihm das die Therapie für seine Ehefrau nur aus einem Korsett und Schmerzmitteln bestehen wird. Er hört mir nur so halb zu, denn er schaut immer wieder besorgt zu ihr herüber. Dann kramt er in seiner Tasche und holt einen Fresubin Waldfrüchte Drink hervor, geht ans Kopfende des Bettes und bietet diesen seiner Frau an. Erst reagiert sie gar nicht, dann wehrt sie seine Hand ab. “Ernst ich will nicht!” Er hält kurz inne und probiert es dann erneut. “Und wenn ich wollte, würde ich es dir schon sagen!” sagt sie. Man spürt die pure Hilflosigkeit von Herrn Müller, er schaut mich an. “Das ist ihre Lieblingssorte, sonst trinkt sie die immer so gerne!” In den letzten Tagen hat mir Frau Müller mehrfach klar und deutlich gesagt, dass sie nur noch sterben will. Sie hat mir gesagt, ich solle dafür beten, dass der Herrgott sie erlösen möge. Es ist eine dieser Situationen, auf die einen kein Studium vorbereiten kann. Ich atme tief durch und will etwas sagen, aber eigentlich weiß ich nicht was.

“Wissen sie Herr Müller, ihre Frau ist durch all das was sie in der letzten Zeit durchgemacht hat sehr geschwächt. Wir müssen ihren Wunsch respektieren, wenn sie keine weitere Therapie hier bei uns haben will.” Vor meinem nächsten Satz muss ich kurz schlucken und hasse mich ein Stück weit dafür, so etwas sagen zu müssen. “Aus unserer Sicht ist die Therapie hier beendet, denn Schmerzmitel kann sie auch Zuhause nehmen. Denn wir sind ein Krankenhaus, also nicht der richtige Ort für ihre Frau. Die ungewohnte Umgebung und…” Jetzt schaut er mich nahezu flehend an: “Aber so kann es doch nicht weitergehen? Ich meine, wo soll das hinführen?” Frau Müller soll am nächsten Tag in die Geriatrie verlegt werden, denn einfach so aufgeben und sie in ein Pflegeheim entlassen wollen wir sie nicht. Aber irgendwie fühlt es sich falsch an. Der Dialog geht noch etwas weiter, dreht sich aber immer wieder im Kreis. Nach etwa 10 Minuten klingelt mein Telefon, ich werde drignend woanders gebraucht. Ich entschuldige mich dafür und biete Herrn Müller an, später noch einmal vorbei zu schauen. “Das brauchen Sie nicht.” sagt er, mit gebrochener Stimme.

nplhse

Irgendwas mit Unfallchirurgie und Gesundheitspolitik. Speaking to no audience.

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