Warum wollen Sie Medizin studieren?

“Warum wollen Sie Medizin studieren?”

Mit diesem Satz hat uns der Professor am allerersten Tag des Medizinstudiums im Hörsaal begrüßt. Jeder durfte einen Satz auf einen Zettel schreiben, am Ende wurde ausgewertet. Die meisten haben Dinge wie “Weil ich den Menschen helfen möchte” geschrieben. Auch ich wollte in die Medizin “um zu helfen“, vornehmlich auch, um sympathischer mit den Menschen umzugehen, als manche schlechte Ärzte, die ich kenne. Ich wollte niemals unfreundlich, arrogant oder herablassend gegenüber Patienten seien.

Mittlerweile ist viel Zeit vergangen, ich habe mich jahrelang durch das oft sehr anstrengende Studium gequält, viele sinnvolle und sinnfreie Dinge gelernt, viele Diagnosen in Therorie und Praxis gesehen, mein Studium abgeschlossen und mit der Arbeit begonnen. Und ich wollte noch immer den Menschen helfen.

Ich arbeite derzeit an einer Rehaklinik, einem Ort an dem man meint, dass die Hilfe ankommt. Es ist für mich schwer zu realisieren, dass die Menschen, denen ich doch helfen will und oft auch deren Angehörige und Freunde diese Hilfe regelrecht “einfordern”. Die Medizin ist zunehmend zu einer Dienstleistung geworden. Es ist nicht mehr so, dass man den Menschen helfen will, sondern dass eine derarte Hilfe als selbstverständlich angenommen wird. Du bist der Arzt, also mach doch endlich, dass es mir besser geht. Es wird angenommen, dass man auch um 18:30 noch für ein Angehörigengespräch da ist (“Ach, sie sind noch da! Ja, schön, ich hab da nur ne kurze Frage…“). Es wird als selbstverständlich angesehen, dass man sich täglich eine halbe Stunde Zeit nimmt, um die Fortschritte zu besprechen. (Wohl gemerkt in einer Rehaklinik, in der die Patienten teilweise Monate verbringen.) Reha ist anstrengend, Reha fordert Geduld. Reha lässt große Fortschritte zu aber eben auch Rückschläge. Ich weiß.

Natürlich bringt jeder Patient und jeder Angehörige seine persönliche Geschichte mit. Natürlich ist jeder einzelne Schlaganfallpatient mit einem schlimmen Schicksal behaftet, das ich ihm nicht nehmen kann. Aber ich versuche zu helfen. Ich will nicht unfreundlich, arrogant oder herablassend sein. Ich bin bereit, mit jedem einzelnen auch mehrmals täglich zu sprechen, mit den Angehörigen Therapiepläne zu verbessern, zu lächeln und den Menschen die Angst zu nehmen. Ich versuche zu helfen. Ich rede mir den Mund fusselig, ich mache unbezahlte Überstunden, um Patienten zu besänftigen, ich machen meine Arbeit, weil ich den Menschen helfen will und weil ich denke und hoffe, dass es ankommt.

Und dann kommt dieser eine Moment, in dieser fordernden Welt. Man meint, man hat alles richtig gemacht, war freundlich, nett, geduldig, empathisch, zuvorkommend. Ein Moment, in dem sich die Angehörigen an einer (unvermeidbaren) Verlegung so sehr stören, dass sie am nächsten Tag empört anrufen und das Gespräch mit dem Satz beenden “Wir werden ihre Klinik verklagen, das ist sicher.” Du legst auf, dir ist nach weinen und du fragst dich, was denn eigentlich die ganze Zeit voller Zuvorkommenheit, Aufklärung, Empathie und Freundlichkeit falsch gelaufen ist. Und warum manche Menschen so böse sind.

Ich habe am Wochenende mal wieder an meiner Profession gezweifelt, weil ich mich gefragt habe, warum manche Menschen so sind. Warum ich mir wochenlang die allergrößte Mühe gebe, neben der medizinischen vorallem auch auf der zwischenmenschlichen Ebene zu funktionieren und alles richtig zu machen. Mit dem Resultat, dass all die Arbeit nicht gedankt wird, sondern nur das Böse und der Groll im Vordergrund steht.

Nein, ich will keine Dankbarkeit, ich bin Arzt und mein Beruf ist es, den Menschen zu helfen. Aber ich versuche täglich auch das zwischenmenschliche zu beachten, sei es auch nur mit einem freundlichen Wort zwischendurch. Dass es so schnell vorbei sein kann macht mich traurig und lässt mich wirklich daran zweifeln, ob ich das ein Leben lang machen will. Zum Glück sind das (leider jedoch zunehmende) Einzelfälle.

Denn dann gibt es da noch die anderen, die die Hilfe dankbar annehmen. Die mich mit einem Lächeln ansehen und ich die Dankbarkeit in ihren Augen ablesen kann. Die mir zum Abschied Blumen schenken und immer wieder “Danke danke danke” sagen. Ich will keine Dankbarkeit denn es ist mein Beruf. Aber ich bin froh, dass es auch solche Menschen gibt. Denn letztendlich sind es genau diese dankbaren Augen, die mich täglich neu darin bestätigen, dass es richtig ist, was ich tue. Dass ich den Menschen helfe, auch wenn ich weiß, dass sie manchmal böse sind…

neisseria

Assistenzärztin Neurologie. Arbeitet, um den Menschen zu helfen.

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