Kurzgeschichte: “Der von Ihnen gewünschte Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar”

Mit wenigen Handgriffen entfernte ich die Kabel des EKGs und fing an die Summe der Kabel aufzurollen, um sie wieder am Haken aufzuhängen. Dann nahm ich die linke Hand, entfernte etwas mühsam den Sensor der Pulsoxymetrie und legte die Hand wieder zurück neben den Körper. Mir gegenüber war Schwester Anna gerade dabei den Notfallwagen aufzuräumen, mit lautem Klirren warf sie eine ganze Reihe von leeren Glasampullen in den gelben Abwurfbehälter. Es herrschte diese seltsame Stille, wie sie nur selten in der Notaufnahme vorkommt.

Durch die Tür kommt Schwester Pia herein und bringt eine weiße Plastiktüte mit. Sie geht zum Fußende des Bettes, wo sie beginnt die dort liegenden persönlichen Gegenstände einzusammeln und in die Tüte umzufüllen. Dann beginnt ein Handy zu klingeln, mit einem furchtbar altmodischen “Drrrring Drrrring“. Pia und ich schauen uns kurz fragend an, dann kramt sie die Handtasche aus der Plastiktüte hervor. Schnell findet sie das Handy, auf dem Display steht “Renate Handy”.

Nach kurzem zögern hält Pia mit das Handy auffordernd hin, fast mechanisch nehme ich ab und halte es mir ans Ohr. “Hallo, hier ist Dr. Müller aus dem städtischen Klinikum.” Nach einem Moment Stille antwortet mir eine Frauenstimme. “Spinnst du Heinz? Ich suche dich hier überall!” “Sind Sie Frau Schneidereit?” Die Stimme lacht nervös. “Sag mal was soll das? Warum klingt deine Stimme so komisch?” “Frau Schneidereit?” Stille. “Wie gesagt, hier ist Dr. Müller aus dem städtischen Klinikum” Die Stimme unterbricht mich: “Aber…” “Ihr Mann hatte einen Unfall und wurde zu uns in die Notaufnahme gebracht.” Erneut werde ich unterbrochen. “Wie geht es ihm?” “Am besten Sie kommen zu uns und wir bereden das gleich hier vor Ort.” “Hm…” “Können Sie sich jetzt herfahren lassen?” “Ich kann die Nachbarin fragen… Aber…” Die Stimme klingt nachdenklich. “Gut. Dann lassen Sie sich von ihrer Nachbarin herfahren und kommen Sie direkt in die Notaufnahme bei uns und melden sich dort an der Anmeldung.” “Sagen sie mir nur: Wie geht es ihm?” Mit meiner ruhigsten Stimme antworte ich “Es ist ernst. Den Rest erzähle ich ihnen dann gleich. Okay?” Erneut Stille. “Aber… Ach… Ok.” Dann piept das Telefon und das Telefonat ist beendet.

Ich seufze lautstark. Manchmal verfluche ich meinen Job.

nplhse

Irgendwas mit Unfallchirurgie und Gesundheitspolitik. Speaking to no audience.

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