Atempausen zählen

“Wissen Sie, Frau Doktor,” der Ehemann meiner Patientin sieht mich mit müden Augen an. “Es ist egal, ob man arm oder reich ist. Wir müssen alle sterben irgendwann.”

Es ist 21:45 und seit dem Mittag wissen wir alle, dass seine Frau nicht mehr lange zu leben hat.

“Der andere Doktor hat gesagt, dass es sehr ernst ist und dass es ihm leid tut und er denkt, dass sie keinen Tag mehr zu leben hat.”

Ja, das war der Oberarzt nachdem wir das CT Bild des Kopfes gesehen hatten. Danach ging er aus dem Zimmer und lies mich mit einer sterbenden Patientin, deren Sohn und Ehemann alleine.

“Seit August geht das, wissen Sie?”

Ja, ich weiß. Ich kenne die Patientin, sie war seit Monaten in der Reha und machte Fortschritte, wenn auch nur kleine. Sie war nach Schlaganfall und Meningitis immerhin in den Rollstuhl mobilisierbar. Sie konnte einzelne Worte formulieren und wenn die Familie da war, hat sie verstanden, was ihr erzählt wurde.

“Ich war seither jeden Tag bei ihr. Jeden Tag! Ich habe mittlerweile auch eine Monatskarte für die Bahn. Und mein Sohn war auch jeden Tag da. Er hat immer bis sechs Uhr gearbeitet und war danach doch immer bei seiner Mama.”

Der Sohn sitzt am Boden neben der Heizung und dreht sie im Sekundentakt auf und wieder zu.

“Warum hat sie das bekommen? Es ging ihr doch so gut!”

Ich versuche zum wiederholten mal zu erklären, was es bedeutet, eine so große Hirnblutung zu haben. Der Sohn nickt. Der Ehemann geht aus dem Zimmer und holt sich im Flur ein Glas Wasser. Ich folge ihm und setze mich neben ihn.

“Ich habe extra eine neue Wohnung gemietet, für mich und meine Frau. Das war gar nicht so leicht, wissen Sie, vorher waren wir im zweiten Stock und da war kein Aufzug. Ich habe alles in die Wege geleitet. Ich wollte mit ihr nach Hause. Und es gab so Schererein mit der neuen Küche. Die musste ich nämlich kaufen, wissen Sie? Denn die alte hat nicht in die neue Wohnung gepasst. Das war alles ein ziemlicher Aufwand. Aber jetzt, was soll ich da? Alleine möchte ich dort nicht wohnen.”

Das Telefon klingelt und ich muss zu einem anderen Patienten, der eine Infusionsnadel für eine Antibiose braucht. Strahlend sieht er mich an und freut sich, mich zu sehen. Ein Arzt muss professionell sein und daher lächle ich zurück. “Morgen werde ich endlich entlassen und brauche die Antibiose nicht mehr! Ich bin so froh und dankbar, dass Sie mir geholfen haben. Mir ging es so schlecht, ich dachte, dass ich sterben muss.” Ja, manche denken, dass sie sterben müssen, anderen müssen es tatsächlich.

Zurück auf der Station hat es meine Patientin noch immer nicht geschafft. Sie atmet flach. Ich gehe in die Kapelle, die gleich nebenan ist. In solchen Situationen muss ich auch oft an meine Angehörigen denken. Auch meine Eltern werden eines Tages sterben, auch wenn es bis dahin hoffentlich noch lange dauert. Das Leben ist endlich.

Ich glaube daran, dass es einen Gott gibt. Aber in solchen Situation fällt es mir schwer, daran zu glauben.

“Hat sie Schmerzen? Merkt sie noch, dass wir hier sind?”

Zurück im Zimmer stellt der Sohn schon wieder die selben Fragen. Ich weiß nicht, wie viel von den medizinischen Erklärungen er mitbekommt und wie viel er davon versteht. Der Morphinperfusor läuft. Der Hirndruck wird weiter steigen und ihr irgendwann den Atem lähmen.

“Wissen Sie, ich weiß nicht, wie ich es der Familie beibringen soll. Noch gestern haben wir telefoniert und ich habe gesagt, es geht der Mama gut.”

Ich schlage dem Sohn einen Spaziergang vor. Er lächelt nur müde und sagt, es gehe ihm gut. Auf dem Flur sagt der Ehemann, er habe ein wenig Angst, dass der Sohn immer im Zimmer ist und es ihm zu viel wird.

Ich brauche frische Luft und atme die kalte Schneeluft ein. Ich höre von der Tür ihr Atmen und bitte inständig, es möge doch endlich vorbei sein. Aber erneut gibt das Atemzentrum den Impuls nach oben: Weiter atmen.

Ich atme ein und aus.

“Das ist das Schlimmste, was ich je erlebt habe in meinem Leben. Meine Mama!”

Der Sohn streichelt seiner Mutter sanft über die blasse Haut. Ich halte die Hand der Patientin.

“Wie wird es sein, das Sterben?”

Ich erkläre erneut die Tatsache, dass da viel Blut ist und auf das Gewebe drückt. Ich erkläre Einklemmung, ich erkläre Atemlähmung. Der Sohn sieht mich mit Tränen an und nickt. Er vertaut in dieser Sekunde auf mich. Dass ich das richtige tue. Ich erinnere mich an ein Palliativmedizinseminar an der Uni. Das ist Jahre her und eigentlich war das nur theoretisch. In der Praxis liegt da ein Mensch, der sterben muss.

Ich weiß nicht, wie das Sterben ist. Ich erkläre viel und frage mich, wie viel davon in den Köpfen der beiden ankommt.

“Geh ruhig in dein Zimmer.” sagt Pfleger Rudi. “Ich rufe dich an, wenn es soweit ist.”

Ich kann es nicht ertragen, hilflos neben der Patientin zu stehen und die Angst in den Augen der Angehörigen zu sehen, wenn die Atempausen länger werden und sie mich ansehen. Ich kann aber ebensowenig schlafen. Ich lege mich im Dienstzimmer ins Bett und bin kaum zwei Minuten dort, als das Telefon klingelt und ich ohne abzunehmen weiß, dass es jetzt soweit ist.

“Sie hat es geschafft.” sagt Rudi und im Hintergrund höre ich ein lautes Weinen und Schreien. Ich eile hoch. Der Sohn sitzt schluchzend in der Ecke. Ich umarme ihn und spüre seine Trauer. “Es war meine Mama.” schreit er und ich sage ihm, dass sie es jetzt besser hat, wo sie ist.

“Sie hat es jetzt besser, wo sie ist. Können Sie schauen, ob sie wirklich tot ist?”

Ich gehe ins Zimmer.

Wer in seinem Leben einen toten Menschen gesehen hat, wird den Tod beim ersten Anblick erkennen. Ihr Gesicht ist fahl. Der Mund offen. Es ist still und sie atmet nicht mehr. Ich berühre ihren Brustkorb. Sie fühlt sich warm an, noch vor zwei Minuten floss Leben durch sie. Ich blicke den Sohn an und sage: “Ja, sie hat es geschafft.”

Er dreht sich zum Vater um. Der sagt blass zu mir, er wisse gar nicht, wie er nach Hause kommen soll, da um diese Zeit doch sicher keine Bahn mehr fahre.

“Ich muss hier raus, ich muss raus. Sofort.”

Der Sohn zieht die Jacke an und weint. Er küsst seine Mutter auf die Stirn. Auch der Ehemann beugt sich über seine Frau und küsst sie.

“Vielen Dank für alles.”

Ich hauche den Männern ein “Viel Kraft für sie beide.” hinterher.

“Ich weiß gar nicht, ob jetzt noch Bahnen fahren, wie sollen wir nach Hause kommen?” höre ich den Ehemann zu seinem Sohn sagen.

neisseria

Assistenzärztin Neurologie. Arbeitet, um den Menschen zu helfen.

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